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Wie machen Glücksspiele süchtig?

Quelle: Landesstelle für Suchtfragen Schleswig Holstein e.V. (http://bit.ly/1HZNTZV)

1. Die Eigenschaften des Glücksspiels

Wie wirken Glücksspiele auf die Gefühle und den Körper eines Menschen?

Glücksspiel kann Nervenkitzel erzeugen, stimulieren, lustvoll-euphorische Gefühle hervorrufen, anspannen und entspannen - und diese Spannbreite ist sofort erlebbar, solange Gewinnaussichten bestehen.

  • Deshalb kann man die Wirkung des Glücksspiels mit der eines Suchtmittels (z. B. Alkohol) vergleichen:

Gewinn: in Gewinnphasen erleben die Spieler_innen eine Art Rauschzu-
               stand und eine längere Zeit anhaltende Stimulation.

Verlust: Missstimmung, Niedergeschlagenheit, Enttäuschung, Panik
               und Minderwertigkeitsgefühle setzen bei den Spieler_innen ein.


Glücksspiele ähneln auch in der Wirkung von Rausch und Ernüchterung anderen Suchtmitteln, wie z. B. Alkohol.

Welche Merkmale eines Glücksspiels sind an der Suchtentstehung beteiligt?

  • Schnelle Spielabfolge: Je schneller eine Spielabfolge ist, umso erregender empfinden Spieler_innen ein Glücksspiel. Deshalb sind Spiele mit schneller Spielgeschwindigkeit (z. B. Automatenspiel und Roulette) besonders beliebt. Die Entscheidung über Gewinn oder Verlust fällt sehr schnell (hohe Ereignisfrequenz).
  • Beinahe-Gewinne: Es wird der Eindruck erweckt, dass ein Gewinn bald bevorsteht (z. B. bei Automaten).
  • Wahl der Einsatzhöhe und der Gewinnchancen: Ein breites Angebot an Gewinnchancen und unterschiedlichen Einsatzhöhen erzeugt den Eindruck, dass ein erlittener Verlust schnell wieder ausgeglichen werden kann.
  • Verbindung mit anderen Interessen: Die Anziehungskraft des Glücksspiels erhöht sich, wenn das Glücksspiel mit anderen Interessen kombiniert wird (z. B. Sportwetten).
  • Art des Einsatzes: Viele Glücksspielangebote arbeiten nicht mit richtigem Geld, sondern mit Jetons und Spielmarken, oder sie funktionieren bargeldlos über Kreditkarten. Dies verschleiert und verharmlost den realen Geldwert der Einsätze, denn eine Spielmarke kann den eigentlichen Wert von 100 € haben. So gehen Hemmschwellen schneller verloren – es wird risikoreicher gespielt und das Urteilsvermögen wird beeinträchtigt.
  • Ton-, Licht-, Farbeffekte: Durch diese Effekte werden Spieler_innen beeinflusst und der Eindruck erweckt, dass Gewinne häufiger vorkommen als Verluste.
  • Aktive Einbeziehung des Spielers: Spieler_innen können durch verschiedene Betätigungsmöglichkeiten (Start-, Stopptasten) oder durch eigene Fähigkeiten (z. B. das Wissen über Fußballvereine, Pokerstrategien) stark ins Spiel einbezogen werden. Das weckt die Illusion, dass der Ausgang des Spiels kontrolliert werden kann und führt zur Unterschätzung des Zufallsprinzips. 

 2. Die Persönlichkeit der Spieler_innen

Was genau eine Spielerpersönlichkeit ausmacht, ist unklar. Aber es gibt Faktoren, die eine sog. Spielerkarriere begünstigen:

  • Persönlichkeit: Menschen mit großer Risikobereitschaft  und leichter Erregbarkeit fühlen sich oft stärker von Glücksspielen angezogen. Dieser Umstand wird noch verstärkt, wenn eine bestimmte Überzeugung (Schicksalsglaube) oder starker Aberglaube vorhanden sind.
  • Geschlecht: Männer sind häufiger von der Glücksspielsucht betroffen. Zwar ist der Frauenanteil unter den Betroffenen in Deutschland gestiegen, doch Männer sind nach wie vor die größere Risikogruppe.
  • Bevölkerungsmerkmale: Die Faktoren Migration und ein niedriger sozialer Status können z. B. Risikofaktoren für pathologisches Glücksspiel darstellen. 
  • neurobiologische Bedingungen: Die Hirnforschung zeigt, dass das limbische System und seine Botenstoffe bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Glücksspielsucht beteiligt sind. Für die Suchtentwicklung hat das Belohnungssystem eine zentrale Bedeutung. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Botenstoff Dopamin, der angenehme Gefühle bewirkt und Handlungsbereitschaften auslöst. Ein Defizit des Botenstoffs Serotonin steht mit einer geringen Impulskontrolle während des Glücksspielens in Zusammenhang. Darüber hinaus ist bei pathologischen Spieler_innen der Botenstoff Noradrenalin erhöht, dessen Funktion in der Steuerung der Erregung und Aufmerksamkeit besteht.
  • andere Erkrankungen (Komorbiditäten): Pathologisches Spielverhalten tritt oft gemeinsam mit anderen Erkrankungen wie z. B. einer Depression oder einer Angststörung auf. Oft ist unklar, welche der Erkrankungen zuerst aufgetreten ist.
  • genetische Bedingungen: Verschiedene genetische Veranlagungen können als zusätzlicher Faktor das Spielverhalten mitbestimmen. 

 3. Das soziale und gesellschaftliche Umfeld

  • Gesellschaft und Glücksspiel: „Ohne Moos nix los.“ Diesen Spruch kennt jeder, denn in unserer Gesellschaft haben Geld, Reichtum, Macht und Status einen hohen Stellenwert. Das Glücksspiel weckt die Illusion vom schnellen Reichtum, mit dem alle Sorgen der Vergangenheit angehören könnten. Diesen Traum teilen viele und versuchen sich regelmäßig beim Lotto oder Wetten. Da überrascht es nicht, dass Glücksspiele in Deutschland gesellschaftlich akzeptiert sind und die Gefahren von Glücksspielsucht verharmlost werden.
  • Arbeits- und Lebensverhältnisse: Die Glücksspielindustrie profitiert von der ständigen Suche nach Unterhaltung und Freizeit. Glücksspiel bietet Abwechslung und stellt deswegen, ähnlich wie bei Alkohol und Medikamenten, eine kurzfristige Flucht vor dem Alltag dar.
  • familiäre Strukturen: Die Einstellung der Familie und Freunde zu Glücksspielen hat einen großen Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Je stärker Glücksspiele akzeptiert sind und je selbstverständlicher sie betrieben werden, umso größer ist das Interesse von Kindern und Jugendlichen an diesen Spielen.